DIE SPIELZEUGFREIE KITA

 

Die spielzeugfreie Kita: Kreativität fördern ohne Spielzeugberge

Berge von Plastikspielzeug, bunt blinkende Figuren und Fahrzeuge, in allen Farben und Formen leuchtet es aus den Regalen: Unser Bild vom Kinderzimmer und der Kita ist heute von diesem Anblick geprägt. Die bunte Welt des Konsums hat auch in der Elementarpädagogik in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr Raum eingenommen. Mit einem Konzept, das ursprünglich zur Suchtprävention gedacht war, gehen Pädagog*innen neue Wege: Die spielzeugfreie Kita soll Lebenskompetenzen der Kleinsten fördern. Wir fragen nach den Grundgedanken des Konzepts spielzeugfreier Kitas und schauen uns Möglichkeiten der Umsetzung im Alltag an.

 

Was ist eine spielzeugfreie Kita?

Die Grundidee des Spielzeugfrei-Konzeptes ist: Für einen begrenzten Zeitraum wird das gesamte Spielzeug aus der Kita entfernt. Dazu gehören auch Stifte und Papier sowie alle „Fertigprodukte“, die für einen bestimmten Gebrauch gedacht sind. Kartenspiele, Bücher, Puppen, Autos, Lego oder Puzzles verschwinden in Kisten oder in Lagerräumen. Bei jüngeren Kindern kann es sinnvoll sein, eine Ausnahme für Kuscheltiere zu machen: Viele der Kleinen brauchen die kuscheligen Tierchen, um sich wohl und sicher zu fühlen.

„Spielzeugfreie Kita“ heißt nun nicht, dass die Kinder kein Spielmaterial mehr zur Verfügung haben. Die vorgefertigten Spielsachen werden lediglich ersetzt durch verschiedene Materialien, die keinem bestimmten Zweck dienen und deshalb ganz unterschiedlich benutzt werden können. In der spielzeugfreien Zeit kommen Tücher und Schals, Kartons und Schachteln, verschiedene Textilien oder Naturmaterialien zum Einsatz. Der pädagogische Ansatz lebt davon, Kindern ein großes Mitbestimmungsrecht zu gewähren. So können sie beispielsweise über die Frage entscheiden, ob Bauklötze oder Murmeln ebenfalls „Ferien auf dem Dachboden“ machen oder ob sie im Raum bleiben können.

Im Alltag ohne Spielzeug bestimmen die Kinder weitgehend selbst, womit und wie sie spielen. Die Erzieher*innen sind jetzt als Begleitung und Unterstützung gefragt, sie machen aber keine pädagogischen Angebote. Das fördert die Selbstbestimmung der Kinder – führt aber anfangs gerne dazu, dass sie sich erst einmal langweilen. Gemeinsam oder allein entwickeln sie bald eigene Ideen: Es entstehen Murmelbahnen aus Pappe, Höhlen aus Decken, Kletterparcours aus Kisten und Möbeln.

 

 


Welche Vorteile hat eine spielzeugfreie Kita?

In ganz Deutschland wurde das Konzept der spielzeugfreien Kitas zumindest zeitweise bereits erprobt und als bereichernd befunden.

Dass spielzeugfreies Spielen ein wirkungsvoller Beitrag zur Suchtprävention sein kann, hat sich im Laufe der Zeit erwiesen: Diese Schutzwirkung tritt durch die allgemeine Förderung und Stärkung der Lebenskompetenzen ein. Die Kinder bekommen neue Freiräume, in denen sie ihre individuelle Persönlichkeit entfalten können. Für ihre ganz persönlichen Bedürfnisse entsteht neuer Raum, sie nehmen sich selbst aus einem neuen Blickwinkel wahr. Durch den intensiven Austausch in der neuen Situation entstehen Kommunikationsanlässe, Kreativität und Beziehungskompetenzen werden gestärkt.

Frei spielende Kinder trainieren soziale Kompetenzen, eignen sich ein individuelles Weltbild an und entwickeln ihr eigenes Selbstbild. Studien zeigen, dass Kinder, die häufig frei und selbstgesteuert spielen können, langfristig bessere schulische Leistung zeigen. Vergleicht man sie mit denen, die früh zum instruierten Lernen angehalten werden, schneiden sie deutlich besser ab.

Erzieher*innen finden durch das Projekt in neue Rollenbilder hinein: Sie werden von „Animateur*innen“ mit Spielangeboten zu Begleiter*innen und unterstützenden Partner*innen. Als Beobachtende am Rande des Geschehens bieten sie keine vorschnellen Lösungen mehr an, sondern stehen den Kindern nur im Bedarfsfall unterstützend zur Seite.

Welche Nachteile hat eine spielzeugfreie Kita?

In Kitas werden Spielzeuge häufig eingesetzt, um Pädagogik-Konzepte oder gezielte Förderungen zu unterstützen. Einige Kritiker werfen daher ein, dass durch den Verzicht von Spielzeugen die aktive Erziehung sowie Bildungsförderung in den Hintergrund rücken. Hinzu kommt, dass Kinder dazu neigen, sich nur mit ihren Stärken und nicht mit den Schwächen zu beschäftigen. Lässt man ein Kind also einfach spielen, werden defizitäre Bereiche nur unzureichend gefördert.

Die Gefahr, dass besonders schüchterne Kinder in dieser neu entstehenden Dynamik untergehen, ist ziemlich hoch. Sie brauchen länger für Kontaktaufnahmen. Sobald sie aber bereit sind, sind die anderen Kinder häufig schon so in ihr Spiel vertieft, dass die schüchternen Kinder nicht mehr in das Spiel hereinfinden.

Es lässt sich zudem nicht pauschal sagen, wie sich das Wegnehmen der Spielsachen auf die Kinder und ihre Psyche auswirkt. Einige Kinder nehmen diese Handlung als Bestrafung wahr oder erleben die spielzeugfreie Zeit als Entbehrungszustand. Das führt zu Stress oder Ängstlichkeit. Bei anderen Kindern wiederum werden Spielzeuge durch das Wegnehmen immer interessanter.

Bei der Einführung von spielzeugfreien Zeiten liegt es in der Verantwortung der Erzieher*innen in einen detaillierteren Austausch mit den Erziehungsberechtigten der Kinder zu treten. Eine offene Kommunikation mit allen Beteiligten ist der Schlüssel zum Erfolg.


Spielzeugfreie Zeit in der Kita: Was bringt das „Teilzeit-“Konzept ohne Spielzeug?

Die Existenz und das Spiel mit Spielzeug werden bei spielzeugfreien Kitas nicht grundsätzlich abgelehnt, denn viele Spielzeuge haben hohen pädagogischen Wert. Stattdessen soll die Erfahrung des „ohne alles“-Spielens neue Erkenntnisse schaffen. Das Ziel ist es, Alternativen zum Gewohnten zu entdecken und den Kindern Raum zu geben, sich selbst und die Gruppe auf eine andere Art - intensiver - wahrzunehmen. Das funktioniert auch bei zeitlich begrenzten Projekten, die nach Bedarf und Interesse wiederholt werden. Erfahrungen mit dem Ansatz konnten zeigen, dass Kinder innerhalb ihrer Gruppe leichter in Kontakt kamen. Andere entwickelten eine höhere Sensibilität für die Umwelt, verbesserten soziale Kompetenzen oder ihre Kommunikation. Langfristig soll das Projekt zudem Alternativen zum konsumorientierten Spielen aufzeigen und die Frustrationstoleranz angesichts fehlender, vorgeformter Angebote erhöhen.


 

Die besten Tipps für Erzieher*innen: So integrieren Sie die spielzeugfreie Zeit in den Kita-Alltag

Das spielzeugfreie Projekt ist eine Aufgabe, die sich nicht nebenbei in den Kita-Alltag integrieren lässt. Stattdessen sollte es umfassend und gründlich vorbereitet werden. Dazu gehören eventuell Weiterbildungen zum Thema, die sich etwa mit der veränderten Rolle der Erzieher*innen, mit der Elternzusammenarbeit und möglichen Schwierigkeiten des Projekts auseinandersetzen. Die Begleitung durch geschultes Personal in diesem Ansatz ist nicht zwingend, aber dringend empfehlenswert.

Eltern sollten während der gesamten Projektphase möglichst einbezogen werden. Elternabende, offener Austausch und vielleicht sogar Projektgruppen können hier für die nötige Zustimmung und den Informationsfluss sorgen.

In der Umsetzung braucht es eine Vorbereitung der Kinder auf die spielzeugfreie Zeit. Gespräche, Geschichten und Rollenspiele können hier Hilfestellung bieten. Gemeinsam mit den Kindern werden zu Projektbeginn die Spielsachen entfernt. Auch gemeinsame Regeln sollten erarbeitet werden.

Zu Beginn wird sich möglicherweise Langeweile einstellen: Das ist so gewollt und dient der Kreativitätsförderung. Halten Sie sich jetzt mit Vorschlägen zurück: Nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit beginnen die Kinder, gemeinsam oder alleine Ideen zu entwickeln. Rollenspiele werden eine wichtige Bedeutung im neuen, freien Spiel haben.

Die neuen Erfahrungen sollten - vielleicht am Ende des Tages - mit den Kindern besprochen und reflektiert werden. Der Abschluss eines jeden Tages - oder der spielzeugfreien Zeit - sollte immer die gemeinsame Reflexion bieten. Häufig äußern Kinder hier den Wunsch, weiterhin eine „spielzeugfreie Ecke“ oder entsprechende Zeiträume zu bekommen.

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